«In 10 Jahren werde ich immer noch ein Teil der Firma sein.»

«In 10 Jahren werde ich immer noch ein Teil der Firma sein.»

Jan Urfer ist der Geschäftsführer der Sensopro AG mit Sitz in Münsingen. Ihre preisgekrönten Sportlösungen finden mittlerweile Einzug in Fitnesscentern und Physiotherapien in Europa. Die Anfänge fanden zu Studienzeiten in der Garage statt, die Firma wuchs innerhalb von 10 Jahren von vier Freunden zu einem KMU mit 30+ Mitarbeitern.

Das Ctrl-Alt-Del Interview mit Jan Urfer fand im Chalet am Sitz der Sensopro in Münsingen statt. Jan hat dabei über sich und zu Themen des Unternehmertums, Erfolgsfaktoren und Innovation aus dem Nähkästchen geplaudert.


Jan, bitte nenne drei Eigenschaften, die dich beschreiben.

Konstant – ich bin kein guter Sprinter, jedoch bin ich konstant.

Ambitioniert – ich habe oftmals hohe Ansprüche an mich selbst und sehe mich auch mal als verkrampft.

Lustig – es ist amüsant, ich finde mich lustig. Allerdings weiss ich nicht, ob mich andere auch lustig finden.

Und welche Eigenschaft passt am besten zur Sensopro?

Definitiv konstant: wir haben seit 10 Jahren dasselbe Produkt, und erst seit einem Jahr ein zweites Produkt. Auf der anderen Seite ist auch die Überraschung wichtig, insbesondere in der Kommunikation versuchen wir zu spielen, dies im Kontrast zur Konstanz.

Sensopro kurz erklärt

Sensopro ist eine Sportfirma, wir sind Hersteller von Sportlösungen. Unsere Vision ist die Verbesserung der Beziehung der Menschen zur Bewegung, hier setzen wir an. Wir haben das Gefühl, dass viele Menschen eine verkrampfte Beziehung zur Bewegung haben: Sport ist anstrengend, Sport muss mich schöner machen, dies hat oftmals mit Angst oder mit Instrumentalisierung zu tun. Wir finden, dass dies ein Problem unserer Gesellschaft ist. Dazu hat die Sensopro zwei Produkte, einerseits das Koordinationsgerät Luna für Physiotherapie und Fitness. Und andererseits wollen wir mit Casa auch Teil des Alltags werden, im Büro, zuhause, im Homeoffice, um den Menschen in die Balance zu bringen.

Wir schaffen Lösungen, damit sich Menschen bewegen und dass es den Menschen anschliessend auch besser geht.

Wie ist alles vor 12 Jahren entstanden?

Wir waren definitiv unbedarft. Ein Student und sein Onkel, ein Sportwissenschaftler, hatten eine Idee. Daraus ergab sich eine sehr romantische Entwicklungszeit; es brauchte 4 Jahre, bis brauchbare Prototypen verfügbar waren. Die Benutzer konnten wir zwar überzeugen, jedoch nicht die Abnehmer. Das Design und die Lösung waren noch nicht gut. Erst mit den Videoanleitungen konnten wir unser Produkt so am Markt platzieren, dass es für Fitnesscenter und Physiotherapeuten spannend wurde. Und als wir dann 2013 an Messen präsent waren, ging es so richtig los. Und so haben sich um den Studenten und den Onkel einige Kollegen aus dem Studium und den Sportvereinen gebildet – der typische Start in der Garage mit Freunden und Familie. Wir waren ein Team von Freunden aus Sportwissenschaften, Juristen, Marketing, und wir waren sehr blauäugig. Aber wir hatten sehr viel Energie, daraus etwas zu machen.

Die Rückmeldungen unserer Benutzer waren immer gut, dies war unsere Lebensader. Die haben uns immer gut gefunden; und keiner hat gesagt, dass dies unnütz sei. Aber es brauchte lange, bis wir verstanden, weshalb die Benutzer unser Produkt gut finden.

So haben wir die Firma gegründet und aufgebaut, in aller Ruhe und ohne externe Investitionen. Von der Therapie zu Fitness, da sind wir durchgestartet, und während der Pandemie zurück zur Therapie, im vergangenen Jahr haben wir den Heimbereich eröffnet.

Sensopro ist mittlerweile ein erfolgreiches KMU, mit positivem Cashflow und 30+ Mitarbeitern. Viele Jungunternehmen scheitern aus unterschiedlichen Gründen, was sind für dich rückblickend die Erfolgsfaktoren?

Es sind 3,5 Erfolgsfaktoren. Die Luna, unser Produkt ist ein Knaller, mit der Erfindung hatten wir eine super Basis.

Das Team ist essenziell; einerseits war da das gut eingestellte Gründerteam, andererseits hatten wir auch meistens eine gute Hand bei der Rekrutierung unserer Mitarbeiter.

Und dann war das Glück! Als wir 2017 zu viert alle mit Vollgas auf Sensopro gesetzt haben, war da auch ein Boom in der Fitnessbranche. So konnten wir richtig durchstarten und kontinuierlich wachsen

Und der halbe Erfolgsfaktor ist Speed. Wir sind sehr agil, unsere Reaktionszeit ist sehr kurz. Im Verkaufsprozess, beim Testen von Ideen beim Kunden usw. Ich denke, dass wir uns hier von anderen KMUs unterscheiden.

Heute trägst du Verantwortung für viele Mitarbeiter, was bedeutet Unternehmertum für dich?

Es sind die vielen positiven Aspekte. Die Freiheit zu haben, zu gestalten und zu entscheiden, neue Dinge auszuprobieren. Ein Team aufzubauen und zu motivieren, hier ist sehr viel Leidenschaft vorhanden mit den Menschen zusammen zu arbeiten und die Menschen weiterzuentwickeln. Ich sehe mich dabei nicht als Produktunternehmer, sondern eher als Team- und System-Unternehmer. Die Unternehmenskultur im positiven Sinne fördern, hier sehe ich meine Hauptaufgabe, das System muss funktionieren. Aber, letztlich muss das System rentabel sein, wir sind eine Firma. Sonst macht es auch keinen Spass.

Ich mag es auch, soviel zu arbeiten, wie ich es gerade mag: oftmals ist es viel, manchmal auch weniger. Aber eigentlich muss man sich dies als Unternehmer nicht überlegen.

Das Unternehmertum hat jedoch auch die herausfordernden Seiten, und ich mag auch diese. So liebe ich das Krisenmanagement, das finde ich super. Ich denke, dass man da auch hineinwächst.

Alle reden von Innovation – was können wir noch besser machen in der Schweiz?

Dies passt gut zur vorhergehenden Frage. Wir haben noch keine Kultur, um Probleme zu lösen, und ich denke, dass wir eher eine Ideenkultur haben. In der öffentlichen Wahrnehmung verstecken sich hinter Start-ups immer vielversprechende Ideen. Dabei wäre es viel besser, Probleme zu suchen und sich darauf zu fokussieren, wie diese Probleme gelöst werden können. Hier sind die amerikanischen Technologieunternehmen spitze, die machen eine super Problemanalyse und lösen die Probleme des Kunden.

Bei uns ist es auch so: wir fragen uns immer wieder, was war der Moment der Problemlösung. Es war der Kunde, der uns anrief und sagte, dass das Produkt ohne Instruktion durch uns nicht benützt wird. Und so war die Idee des Videokits geboren.

Aber irgendwann werden wir auch einen Flop produzieren, weil keine Firma kann ständig Top-Produkte machen (Jan macht den Bezug zu Windows Vista). Und deshalb müssen wir diese Problemlösung strukturiert betrachten und angehen.

Dies heisst, dass wir den Bezug und die Nähe zum Kunden nicht vernachlässigen dürfen?

Genau, der Kunde als Inspirationsquelle. Wir dürfen uns nicht abkapseln. Am Anfang waren wir alle Verkäufer. Wir waren zu viert, heute sind wir 30 Personen im Team. Da ist es naheliegend, dass nicht alle Kundenkontakt haben. Aber der Kunde muss Teil dieser Problemanalyse bleiben, und dies ist unsere heutige Herausforderung.

Die Zeiten der Garage sind vorbei, ihr seid immer noch locker drauf. Wie macht Ihr das zu Krisenzeiten, wie während Corona?

Da müsste man das Team fragen, wie locker wir wirklich waren während der Krise. Aber wir waren immer authentisch und transparent. Wir haben immer informiert wie die Situation ist: Seht her, so ist es! Es ist wichtig, zeitnah und ausreichend zu kommunizieren. Das Team muss wissen, woran sie sind. Es dürfen keine Unsicherheiten und Gerüchte entstehen. Und jede-r muss merken, dass sie-er wichtig ist und dass es keine Geheimnisse gibt.

Und wir müssen demütig bleiben, wir hatten sehr viel Glück.

Das heisst, dass Ihr die Krise gut überstanden habt?

Ja. Ein grosser CEO würde nun einfach die detaillierten Zahlen rausholen und vor einem harten Winter warnen. Ich als kleiner CEO sage, wir haben mehr Umsatz gemacht als in der Vorjahresperiode und wir haben durch Corona gelernt. Wir mussten uns voll auf die Physiotherapie konzentrieren. Zuvor waren wir verwöhnt mit Fitness, weil dies sehr attraktiv war: wir haben den Fitnesskunden einmal besucht und dabei zwei Einheiten verkauft. In der Physio sind die Verkaufszyklen länger und wir verkaufen typischerweise lediglich eine Einheit. Aber wir haben sehr viel gelernt in den Prozessen, schneller zu verkaufen, nur noch einen Kundenbesuch und Follow-up mit Videocalls. Zudem geben die Verkäufer bei gutem Gefühl die Verträge direkt an den Innendienst weiter, und dann schliesst der Innendienst ab.

Ihr seid zu viert in der Geschäftsleitung, geht das immer gut?

Da gibt es oftmals Reibereien, auf emotionaler Ebene, da knallt es auch mal. Wir begegnen uns alle auf Augenhöhe. Meine Aufgabe ist nicht mein Titel, aber ich führe die Geschäftsleitung durch die Organisation und die Meetings. Inputs kommen von allen, jeder hat seine Expertise. Und wir sind gute Freunde, manchmal jedoch auch nur Geschäftspartner. Wir geben uns auch direkte Feedbacks und nehmen uns viermal jährlich eine Auszeit, wo wir auch immer eine Selbstreflexion machen. Wir sind sehr ehrlich miteinander. Da haben wir auch alle den Mindset dazu und es gehört zu meiner Lernzone, mir gefällt das.

Zum Abschluss, Jan mit welchen Attributen siehst du dich in 10 Jahren?

Das ist spannend! Weil, wir hatten das auch schon untereinander diskutiert. 5 Jahre kann man sich noch vorstellen, in 10 Jahren bin ich vielleicht schon Grossvater. Aber 10 Jahre sind ein weiter Horizont.

Ich hoffe, dass ich immer noch Energie haben werde, um ambitioniert zu sein, da bin ich auch sehr zuversichtlich. In 10 Jahren werde ich immer noch ein Teil der Sensopro sein, es gefällt mir Unternehmer zu sein.

Aber wir haben auch noch Ideen und Lust auf anderes. Und es lässt sich auch mit der Sensopro vereinbaren, dies ist das Privileg der Freiheit und des Unternehmertums.

Jan, vielen Dank für das Interview.


Jan Urfer ist 40 Jahre alt, hat Sport und Psychologie an der Universität Bern studiert und lebt mit seiner Familie im Kanton Bern. Jan interessiert sich für Sport. Business. Strategie. Sales. Und Sensopro. Fertig!

Mehr über Jan zu erfahren, gibt es mit Bergbauer Jan und auf https://sensopro.swiss/

Das Interview führte Fabian Käser von der Ctrl-Alt-Del GmbH.

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